KI ist mittlerweile auch für große Teile der Bevölkerung im täglichen Alltag angekommen. Also auch bei den RSV-Versicherungsnehmern.

Bis vor einem Jahr haben die Telefonanwälte noch regelmäßig zu hören bekommen „Das habe ich gegoogelt.“ Seit letztem Jahr hören sie immer öfter „Das hat GPT gesagt“. Seit Anfang 2026 bringen die Google Overviews die KI automatisch in jedes Wohnzimmer und auf jedes Handy – ob man das als Nutzer will oder nicht.

Dabei sind auch die KI-Antworten auf Rechtsfragen mittlerweile oft sehr gut, aber nach wie vor immer wieder auch fehlerhaft oder unvollständig.


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Johannes Goth – Vorstand DAHAG Rechtsservices AG
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Das Anwender-Blasen-Problem

Kleiner Einschub: Wir als Leser, meist Juristen, nutzen ja selbst regelmäßig GPT für Rechtsfragen und erhalten oft sehr gute Antworten. Unsere trügerische Erkenntnis aus dieser Selbsterfahrung: KI ist (fast) so gut wie ein menschlicher Anwalt. Damit befinden wir uns aber in einer „Wahrnehmung-Blase“. Denn wir als Juristen und/oder Führungskräfte wissen im Regelfall, welche Informationen und Fragen wir der KI geben müssen, um eine nutzbare Antwort zu erhalten. Auch können wir KI-Halluzinationen erkennen.

Der VN als Laie weiß jedoch in vielen Fällen nicht, welche Informationen die KI braucht, welche Begriffe relevant sind – und was eigentlich seine Frage ist oder sein sollte.  Auch neigt KI zum Anbiedern und zum Zustimmen. Auf die Frage „Da kann ich doch bestimmt die Miete mindern?“ wird die KI oft versuchen, den Fragesteller in der Antwort nicht zu enttäuschen, auch wenn er eigentlich keinen Anspruch hat. Bei juristischen Laien sind die juristischen KI-Ergebnisse also viel öfter unbrauchbar als bei Jura-Profis. Das Schlimme dabei: Der Laie kann dies nicht mal erkennen.

Claimsfischer bekommen Probleme – gut für RSVs

Unabhängig von der Qualität der Antworten: Ein unmittelbarer positiver „Nebeneffekt“ der Google KI-Overviews ist deren nachteilige Auswirkung auf die Leadgenerierung der Claimsfischer besonders bei Owis. Da die Overviews die Top-Positionen der Blitzerkanzleien im Suchindex verdrängen, haben diese Websites nun deutlich weniger Traffic, damit weniger Leads, damit weniger (RSV-)Mandate. Das ist für das Geschäftsmodell der Claimsfischer durchaus bedrohlich, aber RSVs berichten im Gegenzug bereits von 20-30 % Rückgang der Owi-Schadenmeldungen in 2026. Somit wirkt sich KI von völlig unerwarteter Seite an dieser Stelle sehr vorteilhaft für Rechtsschutz aus und macht nebenbei auch Budgets frei (siehe unten).

Mehr Ombudsfrau- und BaFin-Beschwerden durch KI

Aber der einfachere Zugang zu KI sorgt auch dafür, dass die Anzahl von Widersprüchen gegen Deckungsablehnungen durch den VN selbst ansteigt. Manche VNs nutzen für die Formulierung für ihr Schreiben an die RSV nun KI – und der Sachbearbeiter muss sich vermehrt mit den oft halbgaren Argumenten auseinandersetzen. Gleichzeitig steigen offenbar die Ombudsfrau- und BaFin-Beschwerden. Denn die KI schlägt dem enttäuschten VN diese Optionen vor und liefert das Anschreiben gleich mit. Dieser Trend dürfe weiter zunehmen und die Branche in einem schlechteren Licht darstellen.

KI kannibalisiert die Telefonberatung bislang nicht – Chat und ZMB wachsen jedoch stark

Aber es drohen auch weitere Gefahren: Bisher können wir zwar durch GPT und die Google Overviews keinen Rückgang der Telefonberatungszahlen feststellen. Allerdings ist schwer einzuschätzen, ob es ohne KI 2025/2026 ein Call-Wachstum gegeben hätte, das nun ausbleibt. Gleichzeitig messen wir stark steigende Zahlen in der Chat-Rechtsberatung und in der ZMB. Der VN will von seiner RSV offenbar mehr „Digitales“, mehr „Verschriftlichung“ und mehr „Outsourcing der Problemlösung“.

KI als doppelte Bedrohung für Rechtsschutz

Aber jeder VN, der mit seinem Rechtsfall erst mal die KI befragt, ist ein Problem für Rechtsschutz. Denn wenn die KI sein Rechtsproblem (zumindest vermeintlich) lösen kann, dann entstehen für Rechtsschutz erst mal keine Kosten. So weit, so gut. Aber wenn der VN ein paarmal diese KI-Erfahrung macht, wird er sich schon fragen, ob er weiterhin 300-500 Euro jährlich für einen Rechtsschutzvertrag zahlen will. Und erkennt dabei nicht, dass ihm bei einer Kündigungsschutzklage GPT nicht helfen wird. Zu Ende gedacht könnte KI das RSV Geschäftsmodell sogar weitgehend obsolet machen.

Dazu kommt: Wenn der VN sich mit Hilfe einer KI erst mal selbst um seinen Fall kümmert, ist er für die Steuerung oft verloren. Geht der „KI-Eigenlösungsversuch“ schief, befindet sich dieser VN nicht in einer RSV-Steuerungskette, sondern googelt sich zu einem externen Anwalt. Und dann wird es teuer. RSV droht durch die KI den mühsam über Jahre aufgebauten Zugriff auf den VN im Schadenfall zu verlieren.

Was kann Rechtsschutz tun?

Wie kann diesen Gefahren seitens Rechtsschutz begegnet werden?

  1. Einführung von Meldetarifen

    Wenn sich der VN zukünftig immer mehr an die KI statt an seine RSV wendet und sich so der Steuerung entzieht, sind Meldetarife ein mächtiges Werkzeug. Diese lassen sich (trotz SB-Erhöhung bei Verstoß) in der Praxis sehr gut verkaufen, und die Melderaten im Schadenfall sind tatsächlich extrem hoch, damit auch die Steuerungsraten. Meldetarif funktioniert! Ideal ist eine Verknüpfung eines Meldetarifs mit einer digitalen Schadenmeldung, die gleichzeitig die (Dunkel-) Steuerung in smarte Lösungskanäle wie Telefonberatung, Chat oder ZMB enthält. Wer so was nicht selbst bauen und dauerhaft pflegen will, kann auf den DAHAG Rechtsschutz-Steuerungsbaum zurückgreifen. Über den Baum laufen bei mehreren RSVs mittlerweile jeden Monat tausende Selbststeuerungsfälle.

  2. Mehrwert Anwalt gegenüber KI darstellen

    Wenn der Verbraucher KI will, sollte Rechtsschutz ihm dann selbst KI geben?

    Auf keinen Fall!!!

    Denn wenn RSVs (unabhängig von RDG-Risiken) ihre VNs auch nur mit KI „abspeisen“, wird der Bestand nur umso schneller die Sinnhaftigkeit seiner Policen hinterfragen. Und es ist wohl eine Illusion, dass ein deutscher Rechtsschutzversicherer trotz Trainingsdaten auf Sicht die Qualität von ChatGPT oder Claude schlagen könnte.

    Nach wie vor ist das Vertrauen der Bevölkerung in (menschliche) Anwälte hoch, ebenso wie in Ärzte. Der einfache, kostenlose Zugang Tag und Nacht zu unabhängigem anwaltlichem Rat per Telefon und Online/Chat ist daher ein echtes Alleinstellungsmerkmal von Rechtsschutz. Das Rechtsschutz-Werteversprechen „echter Anwalt – nicht nur KI“ sollte daher in Marketing und Vertrieb stark transportiert werden.

  3. Telefonberatung aufwerten

    Dabei kann KI die anwaltliche Leistung und damit das Werteversprechen und das Kundenerlebnis von Rechtsschutz auf ein ganz neues Level heben. Die Branche erzeugt jährlich rund zwei Millionen Telefonberatungen. Telefonberatung ist seit Jahren der Einstiegs-Service schlechthin.

    Die DAHAG hat daher Ende 2025 das „Anwaltliche Beratungsprotokoll“ an den Start gebracht. Ohne KI wäre ein solches Produkt wirtschaftlich nicht möglich. Nun erhalten bereits jede Woche rund tausend VNs wenige Minuten nach der Telefonberatung eine Zusammenfassung der Beratung per SMS auf ihr Handy – mit Briefkopf der Kanzlei. Die Kunden sind begeistert. Über 80 % wünschen ein Beratungsprotokoll. 75 % der Empfänger geben an, ihren Rechtsfall mit Hilfe des Protokolls selbst gelöst zu haben oder selbst lösen zu können. Dies dürfte neben dem Kundennutzen mit etwas Zeitversatz zu einer signifikanten Senkung der Folgekosten führen. Und das Ganze ist Dank KI für nur ein paar Euro pro Protokoll möglich. Für die Aktivierung des Services muss übrigens seitens des Rechtsschutzes kein eigener IT-Aufwand betrieben werden, da das Anwaltsprotokoll eine anwaltliche Leistung ist.

    Das Anwaltliche Beratungsprotokoll verbindet im Stückzahl-stärksten Service der RSVs die Vorteile von GPT (schnell, schriftlich, gut dargestellt, kostenlos) mit dem Vertrauen und der Seriosität des anwaltlichen Rats (Verbindlichkeit, Persönlichkeit, Erfahrung, Haftung).

    Kurz: Telefonberatung mit Protokoll schlägt GPT. Mit dem Anwaltsprotokoll bekommt der VN bei seiner Versicherung etwas, was ihm GPT nicht geben kann. So bleibt der VN seinem Versicherer lange erhalten und im Schadenfall bleibt er in der Steuerung.

Fazit

KI bringt also für die Rechtsschutzbranche und für die DAHAG große Gefahren, aber auch große Chancen mit sich. Manche davon aus unerwarteter Richtung. Zumindest den bekannten Risiken können die Versicherer mit erprobten und neuen Mitteln entgegentreten, weiter wachsen und dabei ihre Kosten senken.

Kategorien: Rechtsschutz